Gedichte schreibe ich, seit ich etwa 9 oder 10 Jahre alt wurde. Es gab an unserer Schule einmal ein Angebot der Mitgliedschaft bei einem Jugend-Lyrik-Magazin, wo ich, wie ich später erfuhr, als Einziger von der ganzen Schule Mitglied wurde. Gedichte las ich allerdings früher schon, gar nicht mal zu sehr das Klassische und Bekannte, eher die Schattenblüten, unbekanntere und sogenannte Amateure und versuchte dann auch eigene Texte zu verdichten. Anfangs schrieb ich alles in Reimen. Viel viel später, da war ich bereits in den 30-ern,  kam ich über einen Gedicht-Wettbewerb zum Seminar am Kloster Blaubeuren, das Dr. Werner Dürrson leitete, ein sehr bewanderter und horchdurchgeistigter Literatur- Musik- und Wasserfreund. ( Nein, nicht die Aquarienpflanze )  Darüber hinweg entstanden erste Gedichte in anderer Form, da der Reim in dieser Zeit als Gedichtform mehr oder weniger ausgelutscht, also verbraucht und überholt dargestellt wurde. Während des Seminars, an dem ich mehrere Male Teil nahm, wurde mir auch etwas lyrische Bildung zuteil, von der ich heute zu schöpfen versuche, das Erdachte auch kritisch hinterfrage und weiter zu entwickeln oder in ähnlicher Weise zu behauen suche, wie der Künstler eine Skulptur zum Leben erweckt.

 

Die meisten meiner Gedichte befassen sich mit Erlebtem und Gedanklichem, jedoch nicht in der Weise, wie so viele Tausende schreiben. Ich unterwerfe mich nicht dem allumseits anerkannten und hochzelebrierten Zwang zu stetiger Heiterkeit, noch finde ich die Kipplastigkeit eines Zeitgeistes natürlich, der sich einzig um alles Positive schert. Die Dualität des Denkens finde ich vereinfacht und nicht überall anwendbar. Wer alles nach negativ und positiv aufordnet, verkennt die wahre Größe des Existenten. Negativ und positiv, wie ich diese Wertungsmöglichkeiten sehe, beschreiben rechts und links der Wirklichkeit. Gerade die Vernachlässigung, aber zusätzliche Verachtung des Negativen in unserer Welt führt mich dazu, seine  verdrängten, niedergeschätzten und häufig mit dem Begriff des Krankhaften vernetzten Abgründe auszuloten, aber auch die anderen Ebenen jenseitig des Positivierungsfeldes interessieren mich.

 

Untrennbar verknüpft mit dem Leben des Beobachters und Reflektators setzen sich meine Gedichte mit dem Erlebnis Leben und seinen vielfältigen Ebenen auseinander. Einige der Gedichte wurden inzwischen in Anthologien veröffentlicht.


 Die Würde des Menschen ist uninteressant


Am Ende jedes Arbeitstages
beginnt ein Zahlenspiel
wenn am Abakus der Zähler
seine Kugeln voran schiebt
ist nicht jeder ein Gewinner

anonyme Betriebsatmosphäre
im Räderwerk ist jede Kraft ersetzbar
das Geld besitzt den Menschen
die Uhr stiehlt ihm die Zeit
in den Tretmühlen geht er
unbemerkt zugrunde
erdrückt von abgewälzter Last

was kümmert es die Firma
solange der Index steigt
bald bedeckt graue Einheitserde
ein vorbestelltes Grab an dem
spärlich Kränze liegen

am Sekretär liegt zum Versand bereit
ein Vordruck mit dem Satz :

    Wir werden ihn nie vergessen

Anzeige bezahlt -  Fall abgehakt
weiter mit den Tagesbilanzen
wenigstens keine Mehrkosten


                                                                                                                  2005

Adieu Mon ami

Jetzt weißt auch du
wohin die letzte Brücke führt
jetzt bist du sternwärts heim gezogen
ein Tautropfen am Himmelsmeer geworden
ich werde Wasser immer ganz anders sehen
durch deiner Worte Kunst berührt
und Schnee und Gras am Wegesrand

Jetzt ist es Frühlingswinter
uns rinnt Trauer aus den Augen
jetzt sagen sie sicher
dein Geist sei fort für gut
der in unseren Worten
aus deiner Erinnerung spricht       

                                                                                  Zum Gedenk an Werner Dürrson  --     2008

                                        


Dümpeln in der Finsternis

Am Boden des Schweigens gibt es kein Licht
klein ist die Stimme und grau das Gesicht
ruhig und kühl atmet stehend ein Kind
zwischen stählernen Träumen die längst erwachsen sind

Einsames Wandern am Gefühlemeer
trägt seine Gedanken hin und her
die Gemäuer der Zeit - überwachsen und starr
künden davon was dereinst war

ein Hauch seiner Stimme verbleibt im Raum
wie Farbe auf graubrauner Rinde am Baum
ein Fremdteil der Bart auf dem alternden Kinn
Wie gut dass kein Kind mehr -  erwachsen ich bin

Das Lachen verließ mich in täglichen Wehen
die Jahre Verzweiflung wie Dorne von Schlehen
der Worte Bedeutung verlor sich wohl nicht
am Boden des Schweigens verblieb kein Licht                  

                                                                                                                                 2004