Auszug aus "Schattendasein" --  Eine Gedankensammlung zur Schichtung von melancholisch dominierter Lebensfolgerung bzw. reaktiver Depression

 

Die Physiologie des Eindrucks und seine Begrenztheit in der Wahrnehmung

 

Nachdem ich im Text über die Wahrnehmung und ihre Verschiebung aufgezeigt habe, wie weit sich Mensch aus der Wahrnehmung über das Leben und Erleben anderer überhaupt Verständnis heraus nehmen kann, möchte ich nun kurz auf die Zerbrechlichkeit des Eindrucks und seiner Begrenzung, sowie der unvollständigen Grundlage zu sprechen kommen, aus der sich (Fremd)Eindrücke meist erheben. Immer wieder begegnen uns wie schon öfter erwähnt Leute, die über unser Erlebnis des Lebens, aber über noch ganz andere Dinge, die noch weniger für sie einsehbar sind, als das persönliche Erlebnis, besser Bescheid zu wissen annehmen, als wir selbst. Dieses Phänomen sorgt in der Lebenswelt melancholisch grundstimmiger oder reaktiv depressiver Menschen für ganze Lawinen von Ignoranz und trägt zum Durchboxen von auf magerer Wahrnehmung, oder besser gesagt auf Nichtwahrnehmung basierten Ansichtsweisen bei. Diese Leute besitzen darin eine besondere Stärke, wo sie uns meist fehlt oder weniger ausgeprägt vorhält. Wo wir in Zweifeln und Grübeln darüber fallen, und uns selbst in unseren Sichtweisen und Denkwegen oft hinterfragen, sind diese Leute eher von einer Art Selbstsicherheit und Überzeugung in hohem Maße angeleitet. Hinaus über das Nichtwahrnehmen der Berichte über Selbst und Erlebnis anderer gehen sie sogar noch weiter, und versuchen ihre eigene Ansicht genau dort anstelle einzusetzen, wo ihnen die eines anderen nicht gefällt, oder sie diese ignorieren, nicht Ernst nehmen, im Aussagefall als "Unfug" oder "dummes Zeug" darstellen. Hochgeschulte in dieser Disziplin drücken sich lediglich feiner aus, oder vermeiden den Gegenstand ihrer Nichtbeachtung, indem sie andere Floskeln verwenden. Die sagen dann lieber in etwa so etwas : "Das sehe ich nicht so.", oder "Ich habe den Eindruck, dass sich dies und Jenes anders verhält." oder sie greifen sozusagen das andere Ende der Stange, und schubsen zurück in der Art :" Das ist Deine Wahrnehmungsverzerrung, mit der du das siehst." In diesem Austausch sind alle Varianten legal, außer einer, und das wäre es, dem anderen abzunehmen, was er aus seiner Welt beschreibt. Die Menschen, die uns unsere Geschichten und Lebensberichte künstlich verharmlosen und verschönern wollen, sind oft von sehr optimistischer Entwicklung. Es ist gewissermaßen vorprogrammiert, dass sie mit Erlebnisbeschreibungen aus Welten von der neutralen Ecke, oder der Melancholischen nicht leben können, denn diese Beschreibungen passen nicht zu ihrer eigenen Erlebniswelt. Sie fühlen sich dadurch anscheinend dazu animiert, diese fremdartigen Eindrücke ihrer eigenen Erlebniswelt gleichzustellen, oder konform zu deuten, und das machen sie, indem sie die Idee potenzieller Verläufe, wie diese in ihrer Erlebniswelt vorkommen, dem wirklichkeitsgemäßen Beschreiben anderer überstülpen. So müssen sie nicht akzeptieren, dass ihre eigene Erlebniswelt möglicherweise nicht die Einzige ist, was Gründe für Zweifel an ihrer unumstößlichen Richtigkeit zumindest denkbar machen würde. Anders funktioniert es für sie oft nicht, das ihnen Fremdartige in der eigenen Welt unterzubringen. Sie können sich nicht damit anfreunden, dass auch eine ihnen fremdartig und emotional unästhetisch erscheinende Verlaufsebene natürlich sein kann, damit fängt es vielmals an. Dabei lassen sie die offensichtliche Begrenzung ihrer Eindrücke an der Garderobe zurück, sozusagen. Ihnen scheint das Bewusstsein zu entgleisen, dass sie durch ihre Momentaufnahme von der Person und dem Berichten eines anderen nicht in der Lage sein können, dessen Gesamterlebnis zu beurteilen, da sie schlicht nur Bruchteile davon erfahren können. Würden sie einem Menschen zuhören, und dessen Lebensberichte Ernst nehmen, und ebenfalls dieses Verharmlosungsschneidern und Zurechtlegen unterlassen, hätten sie nämlich schon einiges mehr an Basis dafür erreicht. Die Physiologie des Eindrucks ist eine Flüchtige. Manche lassen sich beeindrucken, für andere ist der Eindruck ein Gleichgewicht zwischen Vermittlung und Wahrnehmung, wenn er zwischen Beiden entsteht. Kind der Wahrnehmung, so ist der Eindruck mit den selben Schwachstellen besetzt und kann sich anders als spekulativ nicht über ihre Inhalte hinaus entwickeln. Mit der Beurteilung auf der Basis von Wahrnehmung und Eindrücken anderer müssen wir alle täglich umgehen. Bei den vorherrschend melancholisch auf ihr Leben hinauswachsenden Menschen und der reaktiv-depressiv lebensantwortenden Menschen wird aufgrund dieser Methode oft rücksichtslos gerichtet. Hat man ihnen in früherer Zeit ganz einfach die Fähigkeit zur wirklichkeitsgemäßen Wahrnehmung aberkannt und gesagt, dass sie sich ihr Lebenserlebnis oder die fremdartig wirkenden Anteile davon nur einbilden, so wird heute damit lediglich feinsinniger umgegangen. Heute hat man den Eindruck über dies und das, wenn man einen solchen Menschen vor sich hat. Dass dieser Eindruck aber aus einem winzigen Bruchteil dessen hergeleitet wird, was man von diesem Menschen wirklich erfährt ( vorausgesetzt man will und beachtet es ), daran scheint sich niemand sonderlich zu stören, denn die Eindrücke aus relativ kurzen Zeitphasen, in denen sich Menschengegenüber stehen, werden als Indikatoren zur Spekulation über die gesamte Persönlichkeit, sowie ihrer Lebenserfahrung und manchmal sogar für Zukunftseinschätzungen hergenommen. Dass hier freie Assoziation und Fantasie die Lücken beinahe automatisch füllen, dürfte klar sein. Im Gegenwartsfall werden diese Spekulationen dann als Bildnis des Menschen verbucht, von dem kein Zentimeter abzuweichen ist, egal, was der Mensch weiter von sich preisgeben mag. Man kann das schließlich weiterhin ignorieren oder als Versuche abtun, gegen die höhere Richtigkeit der eigenen ( optimistischen ) Betrachtungsweise vorzugehen. Der Ausdruck "Therapie-Resistenz" und seine negierende Deutung begründet sich unter anderem in dieser Vorgehensweise. Auch die Symbolik des Satzes, den ich diesem Menschen in den Mund legen könnte, erschließt sich aus solcher Vorgehensweise : "Du hast keinen Schmerz, denn ich spüre ihn nicht" beschreibt das Wahrnehmungs-Unterschiedlichkeitsproblem wohl wie kein anderer. Mit dieser Art Ansicht richten die Menschen über unsere Wahrnehmung und Erlebniswelt. So können die Eindrücke zustanden kommen, die andere Menschen von uns angeblich bekommen wollen. Jemand wird als nicht ausdauernd beschrieben, oder gibt sich nicht genug Mühe. Sie sehen einen winzigen Ausschnitt aus dem Leben von Jemand und werten aufgrund der kurzen Zeit nach, füllen sozusagen die leeren, nicht selbst mit gesehenen Blätter des Lebensbuches von Jemand mit diesen Eindrucks-Kopien auf. Dann können auch Sprüche wie dieser entstehen : " Du gibst immer schon früh auf" oder "Du bleibst nicht dabei" und Ähnliches. Die Menschen, die das so erkannt haben wollen, kennen nur einen sehr kurzen Auschnitt aus unseren Leben und Erlebnissen. Wie viel Mühe und Investition wir bereits in unserer Vergangenheit erfolglos eingebracht haben, um etwas zu erreichen, oder um gehört zu werden, das interessiert sie in der Regel nicht. Dadurch, dass sie davon keine Wahrnehmung haben können, scheint dies für sie nicht zu zählen. In ihrer Welt tritt es bestenfalls als Spekulationsinhalt auf  Wahrnehmungs-Unterschiedlichkeit. Ebenso ist ihnen offenbar egal, wie oft davor man schon nicht "früh aufgegeben" hatte, und etwa den langwierigen Lernprozess der Erfolglosigkeit mit all seinen schmerzlichen Erfahrungen von vorn bis hinten durchschritten hat. Aufgrund ihrer Minimaleinblicke in den begrenzten Zeitraum dessen, was sie von uns mitbekommen, scheinen sie erst ab dato zu bedenken, und uns wie gerade geborene oder eben erst in die Welt geworfene Personen zu sehen. Ähnlich neigen diese Menschen gern dazu, die Schwere oder das Ausmaß eines Erlebnishergangs zu relativieren, oder auch allgemein herunterzuwerten, was man sagt. Für uns als Erfahrene unserer Lebensverläufe sind sie mit Vorsicht zu genießen, ein gesundes Misstrauen ist ratsam, will man nicht an der verbalen Voltigierleine fremder Eindrücke enden. Ich schreibe dies bewusst in der Vorgeschichte, weil ich mir viele der prominenten Reaktionswege vorstellen kann, die auf Lebensberichte und –beschreibungen gängigerweise parat gehalten werden. Es werden immer vielfältigste Gründe gern gefunden, die das Unliebsame, also die nicht einfach integrierbaren Inhalte aus dem Lebenserlebnis anderer für den Grundoptimisten umdeuten und zurechtstutzen sollen. Der wilde, vielstämmige Baum des natürlichen Erlebens soll möglichst zu den formbeschnittenen und einstämmigen Ideenbäumchen ihrer eigenen Gärten passen. Da sind die Menschen ihrer Ansicht nach dann eben nicht bissig genug gewesen, um ihr Leben zu meistern, oder sie waren schon vorher Weicheier. In der Hauptantwort schwingen all die Töne mit, die uns immer wieder die selben Schwächen unterstellen, welche aus der Ursuppe dieser Minimaleindrücke anderer in Verbindung mit der Nichtbeachtung wirklichkeitsgemäßen Berichtens erhoben wurden. Nicht Ernst genommen zu werden, nicht beachtet zu werden und keine Anerkennung zu bekommen – das schreibe ich noch oft – sind unter den Top Ten der Auslöser wiederzufinden, welche das Thema reaktiver Lebensantworten hervorrufen. Trotz alledem muss man auch sagen dürfen, dass es sich dabei im eine mögliche Variante eines natürlichen Verlaufs handelt, also die Lebensantwort, egal, wem sie nicht in den Kram passen mag und wohin sie sich ausrichten mag, an sich keine Fehlwahrnehmung enthält, oder ein "falscher" Antwortweg wäre. Solches wird noch immer von Vielen vertreten, wenn sie dem Optimismus oder der Grundstimmigkeit zum Positivismus zusagen, und diese betrachtungsästhetische Philosophie für das einzig Wahre im Leben und Sein halten.

Letztendlich hängt die Idee von Richtigkeit in nur einem Denkweg davon ab, ob man die Welt menschzentriert und von dort nach außen sehend begreift, oder ob man den Menschen und seine Kopfinhalte von außen her als Wuchsform und Variante des Naturgeschehens betrachten will.